Erwin Weißhaupt
Erwin Weißhaupt
Die Geschichte eines Selfmademan aus der Siedung Löwental
Ein Siedlerkind
Geboren am 14. Juli 1935 am Stadtbahnhof
Siedlungskinder als erste Spielkameraden
Ein Mädchen durfte im Sandkasten mitspielen
Die Naziuniform des Nachbarn täglich vor Augen
Langer Schulweg bis zur Pestalozzischule
Dann kam der Krieg
Im Frühjahr 1944 machte der Krieg und seine schrecklichen Bomben auch nicht vor der Siedlung halt. Mutter und Kinder befanden sich im Luftschutzkeller als eine Bombe in seinen Garten einschlug und die Luftschutzwand eindrückte
„Ich war verschüttet und bewusstlos und verlor die Sprache. Die Familie wurde von Nachbarn befreit, der Vater arbeitete gerade als Matrose im Schichtdienst. Mir blieb die Sprachlosigkeit für längere Zeit.“ Die Familie wurde nach Immenstaad evakuiert.
... und es musste weitergehen
Mit den Sprachproblemen, die der Bombeneinschlag verursacht hatten, musste Erwin noch Jahre kämpfen. Selbst in der Oberschule hatte er noch Sprechdefizite. Dafür wurde er von den Mitschülern verspottet
Sport war für ihn lange Zeit Fußball; andere Disziplinen eher ein Gräuel. Im Geißenwäldchen durfte er beim Zirkus seiner Kumpels mitwirken.
Zwei Jahre später hatte sein Vater das Häuschen wieder provisorisch hergerichtet. Die Weißhaupts hatten wieder ihre Bleibe.
Und trotz allem damaligen Elend meint Erwin heute rückblickend „So schlecht war’s auch nicht. Der Zusammenhalt unter den Siedlerkindern war beachtlich und ließ einen vieles leichter ertragen.“
An die Indianerspiele erinnert er sich gerne, auch wenn es derweilen sehr derb zuging. Auch die ersten Annäherungsversuche ans weibliche Geschlecht blieben ihm in bester Erinnerung. Bombentrichter waren das gemähte Spielwiesle für die Buben damals. Man suchte Naturspeere, beschwerte sie vorne und versuchte damit Hasen zu jagen; die gefrorene Rotach waren das Winterparadies fürs Eishockeyspiel mit Schlittschuhen, die an die Absätze angeschraubt waren.
Ein guter Schüler?
Nach der vierjährigen Grundschule ging’s an die Oberschule.
Französisch war erste Pflichtfremdsprache und der gestrenge Lehrer war an einer Auslese interessiert. Schüler mussten sich so manches anhören. „Setz dich Schwachkopf ... 5“ war nur einer der beliebten Sprüche, die die Zartbesaiteten schnell zusammenzucken ließ. Nach sechs Jahren, eine gewisse Schulmüdigkeit war zu spüren, unterbrach der Vater die verheißungsvolle Schulkarriere nach der Mittleren Reife. „Diese Entscheidung war falsch“ meint Erwin heute in der Rückschau.
Bei Maybach lernte er den Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ verstehen und dass Oberschüler eher geduldet als gern gesehen wurden. Ziemlich grob wurde er damals behandelt
und das nicht nur in Worten.
Nach dreieinhalb Jahren hatte er als Maschinenschlosser ausgelernt und durfte unmittelbar bei Maybach ins Büro wechseln. Zeichnen und konstruieren das war die kommenden Jahre seine Tätigkeit.
Das Studium
Wehrdienst, „weißer Jahrgang“ oder Studium lautete plötzlich die Frage, die ganz schwäbisch
beantwortet wurde: „Du muasch lerne“ meinte der Vater und drängte seinen Sohn zum Ingenieurstudium ans Staatstechnikum Konstanz. Die Aufnahmeprüfung wurde bravourös bestanden und dann folgten mit die schönsten, wenn auch nicht die leichtesten Jahre.
Morgens ab ½ 6 auf den Beinen, fast zwei Stunden mit dem Schiff auf die andere Seeseite, fleißig lernen und oft erst abends wieder retour. „Im Winter war es besonders unangenehm, da nur die erste Klasse im Schiff geheizt war“.
Diese gemeinsame Fahrerei mit den Kommilitonen schwor die Gruppe zusammen und führte zur
Gründung der Schiffenia
Mitglied werden konnte nur, wer bereit war, den flüssigen Einstand zu zahlen. Dies „berechtigte“ zur Einsicht in frühere Prüfungsarbeiten. Vertreter des Vorsitzenden der Schiffenia wurde Erwin Weißhaupt als „erster Bierkommissar“, was er heute ehrenhalber noch ist.
Die Luft im elterlichen Hause war zuweilen immer noch dünn.
„Mein alter Herr hatte weiterhin raue Erziehungsmaßnahmen auch für uns herangewachsene junge Männer parat. Als ich eines Nachts recht spät heimkam warf er mich einfach aus
„seinem“ Haus raus.“ Erst die nachgiebige Mutter holte ihn mitten in der Nacht wieder heim.
Der Berufsstart
Wie ging es nach dem Studium weiter?
Stellen gab’s wie Sand am Meer, wenn ein vernünftiges Zeugnis vorlag. Erwin konnte dies vorlegen und begann bei Kienzle-Apparate in Villingen gleich im technischen Verkauf. Die notwendige Vorbildung musste er sich erst aneignen.
„Ich hab dort in meinem Leben zum ersten Mal telefoniert. Messschreiber, Geräte zur Überwachung der Produktion und technischen Abläufe waren mein Aufgabenfeld. Drei Jahre Innen- und Außendienst in Bayern.“
Auch privat ging’s voran
Mittlerweile privat gebunden kamen Gedanken wie Bauplatz, „Spare, Spare, Häusle bauen“. Mit dem ersten Bausparvertrag wurde ein Bauplatz erworben, zum Leben reichte das Geld, zum Hausbau noch längere Zeit nicht.
Danach - erster Ingenieur in Kressbronn, ein gelungener Einstieg, doch der Traum hatte nach einem Jahr ein Ende. Erwin Weißhaupt passte nicht ins Angestelltenschema. Er wollte eigene Ideen realisieren und das ging nur, wenn er den Schritt in die Selbstständigkeit wagen würde.
Mit wenig Geld und vielen hilfreichen Händen erbaute er sich sein eigenes Zuhause und funktionierte es bald zu den ersten Geschäftsräumlichkeiten um.
Die steile Karriere
Büroarbeit, Heizungs- und Lüftungsanlagen in Zusammenarbeit mit einer Firma mit Sitz in Geislingen waren fortan sein Schaffen. Die gelieferten Klima- und Heizanlagen kamen aus Kanada. Die Heizung war von hoher Qualität, sie existiert heute noch im eigenen Haus. Nach fünf Jahren gab es die ersten Schwierigkeiten mit den Partnern und für Erwin Weißhaupt hieß es mal wieder: „Was mach ich jetzt“
...wieder Angestellter? – nein danke.
Die SMW
wurde begründet als Schneider, Manz und Weißhaupt – Industrievertretungen im häuslichen Wohnzimmer im Jasminweg, das nur Platz für zwei Mann bot.
Ein Erfinder wurde gefunden, der mit kraftbetätigtem Spannfutter herumexperimentierte. Neu hinzukam ein Meister aus der ZF. Er hat den ersten mitlaufenden Setzstock erfunden. Mit der selbstzentrierenden Lünette entging man haarscharf der Pleite
Das Startkapital reichte nirgendwo hin. Gelder zu beschaffen war für so kleine „Aufsteiger“ neben den großen Industrien in Friedrichshafen äußerst schwierig.
Der allmähliche Aufstieg war nahe, doch es bedurfte der Amerikaner, die auf der Messe in Hannover die pfiffigen Lösungen sahen und in der Folge umfänglich kauften. „In Deutschland allein wären wir wohl zur damaligen Zeit verhungert. Wir haben das sog. Vorderrad-Spannfutter - luftgespannt über einen sog Schwebering - erfunden “.
Die ersten Kunden wurden akquiriert, die Materialien mussten präziser gearbeitet werden, das Interesse stieg und mit ihm die Aufträge. Erwin Weißhaupt zog es oft mit seinem einfachen Schulenglisch nach Amerika und er lernte sich ein weiteres Mal durchzukämpfen.
Ein expandierendes Unternehmen
Weitere Mitarbeiter, Erwerb von Generalrechten, Kundeninteressen wecken, Überzeugungsarbeit leisten, Umzug in den häuslichen Keller, Anstellung zweier Schreibdamen – „wir waren rührig und fleißig“.
Mit der Fertigung, die all die Jahre auswärts angesiedelt war, gab es erneut Probleme und wieder hieß es: Was nun?
Das Interesse an SMW in Friedrichshafen war, wie für alle kleineren Unternehmen weiterhin nicht vorhanden. Wir mussten uns andernorts umsehen. In Mengen wurde ein Gelände zur Fertigung erworben und es wurden sukzessive drei Hallen gebaut. In Friedrichshafen platzte indes alles aus den Nähten. Der Raumbedarf war groß. In Meckenbeuren konnte ein Gebäude erworben werden. Geräte und Produkte konnten nun endlich in eigenen Hallen geprüft werden. Der Verwaltungstrakt wurde aufgestockt. Die Firma Maier in Kluftern, die die selbstzentrierenden Lünetten herstellte, verkaufte dann an SMW. Plötzlich waren es drei „Familienstandorte“: Meckenbeuren, Mengen und Kluftern.
Es geht steil bergauf
Niederlassungen (Vertriebs- und Servicebüros) in USA, England, Schweden und Japan folgten. Erwin Weißhaupt wurde nun zum Vielflieger und besonders Japan und die Asiaten hatten es ihm angetan. Weitere 26 Vertretungen verteilten sich auf der ganzen Welt. „Das war wirtschaftlich unsere beste Zeit, denn dann kam der Ölboom“.
... und aus Erwin Weißhaupt sprudelt es wie damals das Öl aus den Quellen.
„Das Spannfutter musste absolut zentrisch funktionieren. Dazu brauchten wir die freie Spindel der Drehamschine. Deshalb waren unsere Vorderendfutter so ideal. Jetzt boomte es und das Geld floss. Wir haben die Ausrüsterfirmen der Ölbohrfirmen beliefert. Wir kamen kaum mit den Lieferungen nach. Unser Laden wuchs und wuchs; wir beschäftigten dreihundert Leute. Damals war ich 40% meiner Arbeitszeit in aller Herren Länder unterwegs.“
Doch dann ging’s plötzlich bergab
Erwin Weißhaupt erinnert sich:
„Die schwere Krankheit meines Partners brachte die Wende und alles ging rückwärts; nahezu alle Lasten blieben an mir hängen. Nach dem gemeinsamen Verkauf der Firmenhälfte und dem einseitigen Restverkauf meines Partners gingen die Selbständigkeit und das Sagen verloren. Vielleicht wäre jetzt ein radikaler Schnitt das beste gewesen. Es blieb mir nichts anderes übrig als auszusteigen.“
Erwin Weißhaupt verließ das Unternehmen und drei Jahre später ging die Firma 1993 zu Boden.
Heute ist die SMW unter der Führung der italienischen Autoblok Gruppe wieder ein gesundes Unternehmen, dazu war es aber auch nötig, dass Erwin Weißhaupt seine Anteile für einen EURO abgab.
Volleyball seine neue Leidenschaft
Die Volleyballer suchten eine Persönlichkeit mit Beziehungen in Wirtschaft und Gesellschaft und man überredete Erwin Weißhaupt ins Boot zu steigen. Der Verein „Freunde des Volleyballs“ wurde gegründet und Erwin Weißhaupt zum Vorstand gewählt. Er packte eine Aufgabe an und ließ sich davon faszinieren. Die Aufgabe selbst ließ ihn nicht mehr los.
Was waren einige der Volleyball-Highlights, die in Erinnerung geblieben sind?
Vor zwanzig Jahren hat er mit Waldemar Lessner die erste spektakuläre Verpflichtung getätigt
Die großartigen Erfolge im CEV-Pokal
Die knappen Niederlagen gegen Wuppertal im Finale
Die Verpflichtung der verschiedenen Trainer und auch manchmal deren Entlassung
Helmut Zirk, der immer wieder einspringen musste.
Sein ehemaliger Eintrag in der Wikipedia
Erwin Weißhaupt, Vorsitzender des „Freundeskreises der Volleyballer“ leitete als Abteilungsleiter eine neue Ära mit dem Ziel der Professionalisierung und einem Stammplatz in der 1. Liga ein. Die ersten Erfolge in der Bundesliga waren dritte Plätze in den Spielzeiten 1992 und 1993 und ein zweiter Platz 1994. Nach einer schlechten ersten Saisonhälfte 1996 wurde der Trainer Luis Ferradas durch Martin Stallmaier ersetzt, der wiederum einen zweiten Platz erreichte. Mit der Verpflichtung von Stelian Moculescu kamen (neben den Deutschen Meisterschaften 1998 und 1999) auch die internationalen Erfolge: 1998 der dritte, 1999 der zweite und schließlich 2007 der erste Platz in der Champions League. 2000 wurde die VfB Friedrichshafen Volleyball GmbH, ein Wirtschaftsunternehmen, gegründet, um die Trennung der Profis von den Amateuren zu realisieren.
Ehre wem Ehre gebührt
Im Jahr 2007 verleiht die Stadt Friedrichshafen Erwin Weißhaupt im Rahmen der Sportlerehrung den Sportehrenbrief.
Tennis und Fußball – seine Leidenschaft
„Mit meiner integrierenden Art habe ich geholfen, sowohl die Montagskicker (Steckeleskicker) als auch die Tennisgruppe, fast ein halbes Jahrhundert zusammenzuhalten.
Und was machte Erwin Weißhaupt später?
Auch wenn aus den Industriemillionen einer blühenden Firma nicht viel übrig geblieben ist, am Hungertuch nagen muss er dennoch nicht. Geblieben sind ihm einige Immobilien, die es zu verwalten gibt. Seiner Liebe zu Asien ist er treu geblieben. Wenn’s hier zu kalt wird, zieht es ihn öfters in die Wärme Thailands.
go/wö
Nachruf
Erwin Weißhaupt starb am 12. Juni 2016.